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Was ist dran am Chemobrain

Etwa jeder fünfte Krebspatient klagt darüber, dass durch die Chemotherapie die geistige Leistungsfähigkeit in Mitleidenschaft gezogen wird. Schwierigkeiten bei Konzentration und Koordination unterschiedlicher Aufgaben, verlangsamte Auffassung und verringerte Merkfähigkeit sind offenbar typische Beschwerden. In den USA wird dieser Symptomenkomplex als Chemobrain oder Chemofog – also Chemo-Gehirn oder Chemo-Nebel – bezeichnet. Was ist dran an diesem Phänomen?

Diese Frage mit Hilfe von wissenschaftlichen Studien zu klären, ist nicht ganz einfach. Denn Chemotherapien können bekanntermaßen eine ganze Reihe von Nebenwirkungen haben, die unter Umständen auch die geistige Leistungsfähigkeit indirekt beeinflussen, Blutarmut und Erschöpfung können sich auf Konzentration und Auffassungsvermögen auswirken. Während die allermeisten Nebenwirkungen der Chemotherapie nach vergleichsweise kurzer Zeit wieder verschwunden sind, berichten Patienten in entsprechenden Studien, dass die nachlassende geistige Leistungsfähigkeit noch bis zu einem Jahr nach der Behandlung spürbar sei, zu einem Zeitpunkt also, wenn Blutarmut und Erschöpfung schon längst überwunden sein sollten.

Chemobrain-Phantom?
Ist das nun der Beleg für die Existenz eines Chemobrains? Nicht zwangsläufig; denn verschiedene Studien, in denen Patienten vor und nach der Chemotherapie mithilfe neuropsychologischer Tests untersucht wurden, zeigen, dass einige Patienten, die über die typischen Beschwerden klagten, bei den Tests sehr gut abschnitten; umgekehrt gab es Patienten mit schlechten Testergebnissen, die sich durch die Chemotherapie in ihrer geistigen Leistungsfähigkeit nicht beeinträchtigt fühlten.

Kritiker sprechen deshalb manchmal sogar von einem Chemobrain- Phantom, denn die Wirkstoffe einer Chemotherapie sind gar nicht in der Lage, die sogenannte Bluthirnschranke zu überwinden, können also gar nicht ins Gehirn gelangen. „Sind also“, fragte eine bekannte Forscherin ironisch auf einem Kongress US-amerikanischer Radiologen Ende 2012, „alle Patienten mit diesen Beschwerden vielleicht eher ein bisschen verrückt?“

Als dieselbe Forscherin die Ergebnisse ihrer Arbeiten präsentierte, mit denen sich ein Zusammenhang zwischen Chemotherapie und kognitiver Beeinträchtigung belegen ließ, erhielt sie binnen Stunden hunderte von E-Mails betroffener Patienten, die dankbar dafür waren, dass ihre Beschwerden nun sozusagen eine wissenschaftliche Grundlage hatten und sie nicht länger als „ein bisschen verrückt“ angesehen wurden.

Veränderungen sind nachweisbar
Bildlich dargestellt wurden Veränderungen in der sogenannten weißen Substanz des Gehirns bei Patientinnen nach Chemotherapie. Genau diese Patientinnen hatten auch über nachlassende geistige Leistungsfähigkeit geklagt und in entsprechenden Tests schlechter abgeschnitten als Patientinnen einer Vergleichsgruppe, die keine Chemotherapie erhalten hatten.

Und mittlerweile ist auch die Sache mit der Blut-Hirn-Schranke erklärbar: Ein Chemotherapeutikum muss gar nicht bis ins Gehirn gelangen, um dort zu wirken. Es kann vielmehr eine Art Entzündungsreaktion hervorrufen, die dann im Gehirn zu messbaren Veränderungen führt. Dieser Mechanismus ist sowohl von anderen Medikamenten als auch von schweren äußeren Verletzungen bekannt.

Was man tun kann
Was kann man also tun gegen solche Chemobrain-Beschwerden? Leider können wir Ihnen keine Pille und auch kein Patentrezept anbieten, klar ist aber Folgendes: Wer sich genügend bewegt, vernünftig ernährt und dafür sorgt, dass Aktivität und Entspannung  in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen, senkt seine Anfälligkeit für das Chemobrain beträchtlich. Auch alle Übungen, die das Gehirn trainieren – vom Lösen kniffliger Rätsel bis hin zu leichten Koordinationsübungen – sind von großem Vorteil.

Bei der ganzen Diskussion über die Nebenwirkungen von Chemotherapien sollten Sie allerdings eines nicht vergessen: Jede Chemotherapie ist das Ergebnis einer sorgfältigen Nutzen-Risiko-Abwägung unsererseits. Wenn wir Ihnen eine Chemotherapie verordnen, können Sie sicher sein, dass sie Ihnen nach heutigem Stand des Wissens mehr nützt als schadet. Wenn Sie diesbezüglich Fragen zu Ihrer eigenen Therapie haben, sprechen Sie uns einfach an.